Berufliches Gymnasium
Exkursion im Fach Geschichte
Gedenkgang mit Schülerinnen und Schülern des 13. Jahrgangs des beruflichen Gymnasiums durch Berlin
Bahnhof Grunewald, Mahnmal Gleis 17, Foto von חזרתי, Wikimedia Commons, Lizenz CC by-SA 4.0 Int.
Wie kann man eine angemessene Form für Erinnerungskultur finden, die die menschlichen Abgründe, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus insbesondere im Holocaust gezeigt haben, beschreibt und an die Opfer erinnert? Die Schriftstellerin Ruth Klüger, die mehrere Konzentrationslager überlebt hat, hat sich so geäußert: „Erinnerung ist keine gemütliche, badewasserlaue Annehmlichkeit, sondern ist eigentlich immer ein Graus, eine Zumutung und eine einzige Kränkung der Eigenständigkeit. Und zwar deshalb, weil wir keine Kontrolle über das haben, was schon passiert ist, weder als einzelne noch als Mitglieder einer Gruppe. […] Darum haben wir die Nostalgie erfunden, d. h. den Kitsch der Erinnerung, die Verklärung, mit der wir so gern Blut, Schweiß und Kotze der wirklichen Gedächtnisprodukte verpacken“. Wie kann man also an die Opfer des Holocaust erinnern, ohne dabei in die von Klüger genann-te Falle der Verklärung zu tappen und zudem Schüler/-innen zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit diesem düsteren Kapitel deutscher Geschichte anregen?
Eine Möglichkeit ist ein Gedenkgang an die Orte des Lebens und Leidens der jüdischen Bevölkerung in Berlin zur Zeit des Nationalsozialismus mit dem Fokus auf die dort entstandenen Denkmäler: Zunächst fuhren wir, Schüler/-innen des 13. Jahrgangs des beruflichen Gymnasiums, Fr. Pfarr, Hr. Etspüler und ich, zum Mahnmal Gleis 17 am S-Bahnhof Grunewald. Von diesem Gleis wurden über 50.000 Berliner Juden in Konzentrationslager deportiert. Vor dem Krieg war die jüdische Gemeinde in Berlin die größte in Deutschland. Es lebten hier ca. 160.000 Jüdinnen und Juden. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg lebten hier nur noch 8000 Jüdinnen und Juden, die untergetaucht waren, aus der Lagerhaft zurückgekehrt waren oder aufgrund einer Ehe mit einem so genannten „Arier“ nicht deportiert wurden.
Danach besichtigten wir das Gebäude der jüdischen Gemeinde in der Fasanenstraße in Charlottenburg. Die Synagoge, die dort stand, wurde in der Pogromnacht 1938 stark zerstört. Das alte Portal aber wurde in das neue Gemeindehaus integriert. Auch die Synagoge, die in der Levetzowstraße in Moabit stand, wurde in der Novemberpogromnacht 1938 stark beschädigt. Trotzdem diente sie von 1941 bis 1942 als Sammelstelle für Deportationen vieler jüdischer Familien. Als die Synagoge im Jahr 1955 abgerissen wurde, entstanden an dieser Stelle eine Gedenktafel und ein künstlerisch umgestalteter Eisenbahnwaggon direkt an der Straße. Beides erinnert an das Schicksal der von hier deportierten Menschen. Besonders der begehbare Eisenbahnwaggon verdeutlicht die Situation der zusammengepferchten Menschen, von denen viele erstickten, verdursteten oder an Erschöpfung starben. Simon Grinbaud, der nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, beschrieb das Einsteigen in den Zug in seinen Memoiren mit folgenden Worten: „In so einem Waggon, der laut Aufschrift auf der Tür zum Transport von 18 Pferden gebaut war, waren 100 von uns.
Mahnmal Levetzowstraße in Berlin-Moabit, Foto von Molgreen, Wikimedia Commons, Lizenz CC by-SA 4.0 Int.
Von hier aus ging es für uns weiter in die Große Hamburger Straße in Mitte. Dort besichtigten wir den ältesten Friedhof der jüdischen Gemeinde Berlins mit dem Ehrendenkmal für Moses Mendelssohn, das jüdische Gymnasium und hielten am katholischen Krankenhaus St. Hedwig, das in der Zeit des Nationalsozialismus keine Juden aufnehmen durfte, aber mithilfe eines Codeworts wurden sie dort trotzdem behandelt. Unser Gedenkgang endete am Koppenplatz am Denkmal „Der verlassene Raum“, einer Bronzeskulptur aus dem Jahre 1993 mit einem im Parkettboden eingelassenen Zitat aus Nelly Sachs‘ Gedicht „O die Schornsteine“. Dieses Denkmal zeigt, wie jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger während der Zeit des Nationalsozialismus aus dem Leben gerissen wurden.
Denkmal „Der verlassene Raum", Foto von A. Raschka (assumed), Wikimedia Commons, Lizenz CC by-SA 3.0 Unported
Mithilfe dieser Erinnerungsorte konnten wir mit unseren Schülerinnen und Schülern reflektieren, ob bzw. inwiefern Denkmäler gegen die „Verklärung“ (Klüger) der Geschichte eingesetzt werden können. Diese von uns besichtigten Denkmäler informieren, erinnern und mahnen. Unseren Schüler/-innen wurde deutlich, dass Berlin, zum Beispiel für Inge Deutschkron, die Heimat war und dann aber zum Ort der Angst wurde. Mit diesem Gedenkgang arbeiten wir gegen das Vergessen, denn das wäre der „zweite Tod der Ermordeten“ (I. Deutschkron).
Imke Meiners
Bildnachweis:
- Bahnhof Grunewald, Mahnmal Gleis 17, Foto von חזרתי, Wikimedia Commons, Lizenz CC by-SA 4.0 Int.
- Mahnmal Levetzowstraße in Berlin-Moabit, Foto von Molgreen, Wikimedia Commons, Lizenz CC by-SA 4.0 Int.
- Denkmal „Der verlassene Raum", Foto von A. Raschka (assumed), Wikimedia Commons, Lizenz CC by-SA 3.0 Unported





