Berufliches Gymnasium

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Am 20. März 2017 besuchte unser Gast Herr Mario Röllig die Emil-Fischer-Schule. Sein Vortrag fand vor dem 13. Jahrgang in Zusammenhang mit dem Semesterthema „Die bipolare Welt nach 1945“ statt.

Mario Röllig wächst im Bezirk Köpenick in einer regimetreuen Familie auf. Vater und Mutter waren SED-Mitglieder. Mario Röllig berichtet zunächst von seiner Schulzeit, die politisch und militaristisch geprägt war. So beschreibt er den montäglichen Fahnenappell und wie er hierbei während der Fußball WM 1974 voller Stolz ein Beckenbauer-T-Shirt trägt, das ihm seine Tante aus dem Westen geschickt hatte.

Das hat für ihn die Folge, dass die Lehrerin ihn „vorführt“ und er das T-Shirt fortan an diesem Tag nur linksherum tragen darf und seine Eltern zur Schulleitung müssen.

Er erzählt weiter vom Handgranatenweitwurf mit Übungshandgranaten und vom Musikunterricht mit Liedern wie Mein Freund der Volkspolizist und Soldaten sind vorbeimarschiert.

Wegen seiner nicht genug gefestigten Haltung zur DDR bekommt der heute 50-Jährige kein Abitur. Neben guten schulischen Leistungen ist hierzu auch das Elternhaus wichtig. Linientreue ist eindeutig vorteilhaft und dass die Eltern Arbeiter sind. Außerdem ist im Arbeiter- und Bauernstaat festgelegt, dass nur vier Schüler aus einer 10. Klasse mit 30 Schülern Abitur machen dürfen.

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Er wird dann Kellner auf dem Ostberliner Flughafen Schönefeld, wo er durch die Trinkgelder in DM wesentlich mehr verdient als ein normaler DDR-Bürger.

Mit 16 Jahren ist sein schwules Coming out, was sein Leben nach einem Ungarn-Urlaub Mitte der 80er Jahre völlig verändert. Er lernt einen Staatsekretär aus Berlin (West) kennen, der Mario Röllig in Ostberlin oft besucht, was der Stasi auffällt. Diese setzt ihn unter Druck, Informationen über ihn zu liefern, was Mario Röllig unterlässt. Dadurch verliert er seinen Arbeitsplatz und muss fortan als Tellerwäscher im Restaurant des S-Bhf. Schöneweide arbeiten. 1987 steht ein erneuter Ungarn-Urlaub an, den er zur Flucht nach Jugoslawien nutzen will, was misslingt. Die Stasi bringt ihn über bewusste Umwege ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Er berichtet von Verhören („Das Klacken des Türspions höre ich heute noch“) und wird über nicht einfache Wege durch Intervention des Ostberliner Rechtsanwaltes Wolfgang Vogel für etwa 90.000 DM von der Bundesrepublik freigekauft.

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Er wird zunächst in die DDR entlassen, um nach weiteren Schikanen in die Bundesrepublik einreisen zu können, wo er kurz nach 0 Uhr des 8. März 1988 ankommt. Er trifft in Wolfsburg ein, wo er überraschenderweise von einer Frau der Bahnhofsmission schon erwartet wird. Danach fliegt er von Hannover nach Berlin (West), wo er u.a. in der Zigarrenabteilung des KaDeWe im 6. Stock arbeitet. Zufällig erscheint 1999 der schlimmste Stasi-„Vernehmer“ aus Hohenschönhausen, um drei Kästen Zigarren für 1.500 DM zu kaufen, was Mario Rölligs Monatsgehalt entspricht. Nach dieser Begegnung bricht sein Foltertrauma durch. Nach stationären und ambulanten Psychotherapien ist er so stabilisiert, dass er heute weltweit Schulen, Universitäten, Parteien und Verbände besucht, die seinen Besuch wünschen, um von seinen DDR-Erlebnissen zu berichten. Dabei geht es ihm nicht um Vergeltung, sondern um Aufklärung und darum, dazu beizutragen, dass sich solch eine Diktatur nicht wiederholt.

Michael Steinhardt

 

 

Bildnachweis:
© 2017 Janine Doyle, Emil-Fischer-Schule